Die Johannespassion von Johann Sebastian Bach ist eines der eindringlichsten Werke der Musikgeschichte. Ihre dramatische Kraft, ihre emotionale Tiefe und ihre theologische Zuspitzung berühren bis heute – und stehen im Zentrum dieser Aufführung.
Die Passion erklingt in ihrer musikalischen Gestalt als geschlossenes Werk. An wenigen Stellen werden kurze Klangräume geöffnet: Fünf poetisch-literarische Improvisationen mit Texten von Lars Hillebold treten neben Bachs Musik. Sie greifen nicht ein, erklären nicht und verändern den Verlauf der Passion nicht, sondern lassen das Gehörte nachklingen und eröffnen Resonanzräume – für Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Macht und Wahrheit, nach der jüdischen Herkunft Jesu und nach Hoffnung, die allen gilt.
Rezitiert von Ulrike Walther und eingebettet in improvisatorische Klanglandschaften von Olaf Pyras (Percussion) entsteht ein feines Spannungsfeld zwischen barocker Form und gegenwärtiger Erfahrung. So bleibt die Johannespassion als Passionsmusik – und spricht aktuell in unsere Zeit hinein: zum Hören, Gedenken und Hoffen.
Johannespassion von Johann Sebastian Bach
Großes Passionskonzert mit gegenwärtigen Akzenten
Am Samstag, den 14. März, um 18 Uhr, erklingt in der Lutherische Pfarrkirche St. Marien die Johannespassion von Johann Sebastian Bach (BWV 245). Die Aufführung verbindet Bachs barockes Meisterwerk mit freien Improvisationen, die dem Werk einen bewusst gegenwärtigen Akzent verleihen und einen reflektierten Zugang zu dieser Passion eröffnen.
Die Johannespassion zählt zu den eindringlichsten und zugleich zugespitztesten Vertonungen der Passionsgeschichte. Mit großer dramatischer Kraft schildert Bach das Leiden und Sterben Jesu nach dem Johannesevangelium. Besonders die Turba-Chöre entfalten eine unmittelbare emotionale Wirkung, die das Werk bis heute außergewöhnlich präsent erscheinen lässt. Zugleich ist das Werk Teil einer gegenwärtigen Diskussion darüber, wie biblische Texte und ihre musikalischen Deutungen heute verantwortungsvoll gehört werden können, insbesondere im Blick auf historische antijüdische Deutungsmuster.
Die Marburger Aufführung nimmt diese Herausforderung ernst, ohne in Bachs musikalischen Text einzugreifen. An sechs markanten Stellen entstehen freie Improvisationen für Sprecherin (Ulrike Walther) und Percussion (Olaf Pyras), in die Texte von Lars Hillebold integriert sind. Wort und Klang bilden hier eine Einheit und öffnen einen Reflexionsraum, der den Blick nach innen richtet: weg von Schuldzuweisungen an „die Anderen“, hin zur eigenen Verantwortung, zu Fragen von Macht, Angst und Anpassung – und zur bleibenden Verbundenheit des Christentums mit seinen jüdischen Wurzeln. Diese Passagen stehen nicht im Gegensatz zur barocken Passion, sondern treten mit ihr in einen zeitgenössischen Dialog, der Innehalten und bewusstes Hören ermöglicht.
Die Solopartien sind mit Simone Schwark (Sopran), Seda Amir-Karayan (Alt), Georg Poplutz (Evangelist und Tenorarien), Michael Roman (Bass) und Raimund Nolte (Jesusworte) besetzt.
Musikalisch getragen wird die Aufführung vom Main-Barockorchester und der Kurhessische Kantorei Marburg. Die Gesamtleitung liegt bei Uwe Maibaum, der die Johannespassion in ihrer musikalischen Größe ebenso ernst nimmt wie in ihrer historischen Chance.
So wird die Johannespassion als lebendiges Werk erfahrbar, das nicht nur erzählt, sondern befragt – und das auch heute noch zur Selbstreflexion herausfordert.
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